Erinnern Sie sich noch an Autofahrten vor zwanzig Jahren? Damals war die Windschutzscheibe nach einer längeren Fahrt fast vollständig mit Insekten bedeckt. Dass sie heute meist sauber bleibt, mag das Autoputzen erleichtern, ist in Wahrheit jedoch das Alarmsignal einer tiefgreifenden Krise: Wir verlieren in rasantem Tempo die Vielfalt des Lebens.
Warum Biodiversität unsere wichtigste Ressource ist
Die Biodiversität ist die vielleicht wichtigste Ressource unseres Planeten. Sie umfasst die gesamte Bandbreite an Lebensräumen, die Vielfalt der Arten sowie die genetische Variabilität innerhalb dieser Arten. Gesunde Ökosysteme versorgen uns mit Trinkwasser und Nahrung, liefern Rohstoffe für Kleidung und Medizin, schützen uns vor Naturkatastrophen und regulieren das Klima. Diese Vielfalt wirkt wie ein Sicherheitsnetz der Natur: Nur ein artenreiches System besitzt die genetischen Reserven, um sich an die voranschreitende Klimakrise und extreme Umweltveränderungen anzupassen. Ohne diese Leistungen wäre das Wohlergehen unserer Gesellschaft unmittelbar gefährdet.
Die Ursachen des Artensterbens
Die Gründe für das weltweite Artensterben sind menschengemacht:
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Lebensraumverlust : Durch Veränderung oder Zerstörung von Lebensräumen (bspw. Versiegelung, Zerschneidung von Landschaften und intensive Landwirtschaft) schrumpfen die Rückzugsorte für Tiere und Pflanzen. Laut IPBES haben Menschen inzwischen 75 Prozent der Landoberfläche und 66 Prozent der Meeresfläche verändert – „echte, unveränderte Natur“ gibt es nur noch auf etwa einem Viertel der Erdoberfläche. -
Übernutzung von natürlichen Ressourcen: Überfischung und Überjagung strapazieren die Reproduktionsfähigkeit vieler Populationen über das Limit.
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Klimakrise: Erwärmung und Artensterben verstärken einander in einem gefährlichen Kreislauf. Die Klimakrise zerstört Lebensräume, während der Verlust an biologischer Vielfalt die Widerstandsfähigkeit der Natur gegen Erwärmung senkt.
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Umweltverschmutzung und invasive Arten: Pestizide, Dünger und Schadstoffe aus Landwirtschaft, Verkehr und Industrie verändern Standorte chemisch, während invasive Tier- und Pflanzenarten heimische Arten verdrängen.
Wien: Ein Lebensraum, der Schutz braucht
Trotz dieser globalen Krise ist Wien immer noch eine erstaunlich artenreiche Großstadt: Vom Biosphärenpark Wienerwald im Westen bis zu den Trockenrasen im Osten beherbergt unsere Stadt seltene Arten wie Ziesel, Feldhamster, zahlreiche Fledermausarten, über 500 verschiedene Wildbienenarten sowie botanische Kostbarkeiten wie Orchideen, Adonisröschen und Herbstzeitlosen.
Als Wiener Umweltanwaltschaft (WUA) setzen wir uns in Naturschutz- und Bauverfahren täglich für den Erhalt dieser Vielfalt ein. Doch Naturschutz ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Deshalb ist es uns ein Anliegen, die Stadtnatur für die Wiener*innen erfahrbar zu machen:
Beispielsweise bei den Projekten „Vanessa – Wiesenbewohner und Blütenbesucher“ und „Kindergarten - Natur erleben und begreifen!“ bieten wir gemeinsam mit dem Verein Umweltspürnasen-Club vielfältige Erlebnisangebote. Im Zuge des Projekts „Wildnis (ist) Klasse“ konnten wir mit zwei Wiener Volksschulen ihre direkte Schulumgebung ökologisch aufwerten. Insgesamt sechs Klassen haben so neuen Lebensraum direkt vor ihrer Schultür geschaffen. Ein weiterer Fokus liegt außerdem auf den oft übersehenen Bewohnern der Stadt: den nachtaktiven Tieren. Das von uns bei „die UMWELTBERATUNG“ beauftragte Poster „Tiere der Nacht“ hilft dabei, diese faszinierende Nachtfauna kennen und schützen zu lernen.
Was Sie tun können: Fußabdruck und Handabdruck
Jede und jeder Einzelne kann einen Unterschied machen. Dabei wird zwischen zwei Ansätzen unterschieden:
Der Biodiversitäts-Fußabdruck (Vermeidung): Überprüfen Sie Ihre persönlichen Gewohnheiten. Der Fokus auf mehr pflanzliche, saisonale und regionale Bio-Lebensmittel sowie der Verzicht auf Produkte aus Raubbau (wie Tropenholz oder konventionelles Palmöl) senkt den Druck auf globale Ökosysteme spürbar.
Der Biodiversitäts-Handabdruck (Engagement): Werden Sie über den eigenen Tellerrand hinaus aktiv, indem Sie Ihr Umfeld zu nachhaltigem Konsum motivieren und Ihr Wissen über Vielfalt weitergeben. Verwandeln Sie versiegelte Flächen in insektenfreundliche „wilde Ecken“ oder engagieren Sie sich für den Erhalt bzw. die biodiversitätsfreundliche Gestaltung lokaler Grünflächen.
© Fotos: unsplash Bild 1: M. Polinder, Bild 2: Bernd Dittrich, Bild 3: Nadine Primeau
